Bettina Thierig

Skulpturen und Zeichnungen

Die Kunstwerke der Bildhauerin Bettina Thierig sind äußerst, aber sehr subtil differenziert. Die Künstlerin arbeitet auf eine eigene, scheinbar einheitliche Weise, die sich stark an dem jeweili- gen Medium und Material des Kunstwerks orientiert. Sie gibt aber jedem Objekt eine Individua- lität. Einheit und Vielfalt sind Begriffe, die widersprüchlich wirken, und beim ersten Blick ist die Einheit in den Zeichnungen von Thierig nicht sofort erkennbar und die Vielfalt in den Skulpturen ent- faltet sich nur langsam. Die Zeichnungen erscheinen unterschiedlich, da die Künstlerin unterschiedliche Zeichentechniken in den Bildern verwendet. Manche Zeichnungen haben eine feste Linie, die die Figuren im Umriß zeigt, aber die Figur auch in Körperteile segmentiert. Andere Zeichnungen entwickeln Figuren aus feinen bewegten Linien, die die Konturen des Körpers beleben, während weitere Zeichnungen die Figuren aus kurzen Strichen bilden, die, so scheint es, auf die Oberfläche des Körpers gelegt sind, als ob sie Anweisungen wären, so daß der Bildhauer den richtigen Platz für das Anlegen des Meißels findet. Obwohl nicht alle Zeichnungen Studien für Skulpturen sind, zeigen sie alle eine bildhauerische Körperlichkeit. Die Zeichnungen am Brighton-Strand demonstrieren das am deutlichsten, denn sie sind eindeutig nicht als Entwürfe für Plastiken entstanden. Die Bilder zeigen eine Menschengruppe auf den Steinbrocken vor dem Meer. Fast alle Zeichentechniken, die in den anderen Zeichnungen vorkommen, wurden auch hier benutzt: feine und starke Umrißlinien und Segmentierungen der Körper. Obwohl das Bild wegen der Linie am Horizont eine Tiefenwirkung hat, befinden sich die Steine und die Figuren in einem engen Raum aufgestapelter Masse. Thierig untersucht die Beziehungen von dreidimensionalen Formen zueinander. Diese bildhaue- rische Überlegung durchdrängt alle ihre Zeichnungen und gibt ihnen eine verständliche Einheit. Umgekehrt besitzen die Skulpturen eine Einheit, da die Künstlerin sie meistens mit den gleichen bildhauerischen Techniken bearbeitet. Die Oberflächen sind fast glatt und werden hauptsächlich von der Porosität des Steins belebt. Hierdurch wirken die Skulpturen einheitlich. Die Oberflächen sind aber nicht nur glatt. Sie sind straff und angespannt. Es sieht so aus, als ob die Haut nur mit Mühe die darunter liegende Masse festhält. Ein tiefer Atemzug und die Oberfläche würde plat- zen. Diese Spannung verleiht den Skulpturen leben und das Leben gibt ihnen allen individuelle Persönlichkeiten. Freilich zeigen die Skulpturen, daß Thierig Steinplastiken als Steinmasse vermit- tein will, aber auch, daß sie Körper als einzelne Menschen und nicht als anonyme Formen erken- nen lassen will. Die Skulpturen werden Porträts und schließen damit die Vielfalt der Menschheit in Thierigs einheitlichen Stil ein.

Bennie Priddy

Bettina Thierig

Skulptures and Drawings T

he art works of the sculptor Bettina Thierig are extremely differentiated but subtly so. The artist works in a personal and seemingly unified way, which is strongly oriented on the medium and the material of the art work. She gives every object, however, an individuality. Unity and variety appear to be terms, wh ich are contradictory, and at first glance unity In Thierig's drawings is not evident and variety in the statues reveals itself slowly. The drawings appear to have no unity, since the artist uses different drawing techinques in the various pictures. Some drawings consist of heavy lines, which outline the figures and divide them into body parts. Other drawings develop the figures out of fine, moving lines, which enliven the contours of the bodies, while same drawings build the figures out of short sketchy lines lying, as it seems, on the surface of the bodies, as if they were instructions about the placement of the chisel for the sculptor. Although not all the drawings are studies for statues, they do all show a sculptural bodiliness. The drawings of Brighton beach show this clearly, as they were certainly not made as designs for a statue. The pictures show a group of people on the boulders by the sea. Almost all of the drawing techniques used by Thierig are also found here: fine and heavy outlines and the division of the body into segments. Even though the picture has depth because of the horizontal line, the boulders and the people are crowded into a narrow space of piled up mass. Thierig is examining the relationships of three dimensional forms to each other. This sculptural examination permeates all of her drawings and gives them an understandable unity. Just the other way round the sculptures have a unity because the sculptor carves them generally with the same techniques. The surfaces are almost smooth and mainly enlivened by the porosity of the stone. In this manner the statues seem to be very unified. The surfaces are, however, not only smooth. They are taut and tense. It looks as if the skin can hardly hold in the mass below it. One deep breath and the surface would explode. This tension gives the statues life, and life lends them individual personalities. Of course, the statues show that Thierig wants to transmit stone statuary as stone mass, but they also show that she wants to allow human bodies to be recognized as individual humans and not as anonymous forms. The statues become portraits and therefore contain the variety of humankind in the unity of Thierig's style.

Bennie Priddy