Bettina Thierig: Rede am 7.10.2006 zur Eröffnung der Ausstellung „Baum – Leiber“

Anfang

Ausgangspunkt ist ein – gewissermaßen fachfremder -  Aspekt.

Ich kam in den letzten Jahren verstärkt in Berührung mit dem - weit über Lübecks Stadtgrenzen hinaus – bekannten Lübecker Waldkonzept, nämlich dem der „Naturnahen Waldnutzung“.

Über die Bewunderung für das ökologische vorbildhafte und ökonomische effiziente Konzept hinaus gibt es einen sinnlichen, ästhetischen Aspekt, der meine Aufmerksamkeit hielt:

Durch die, in dem Konzept vorgesehene lange Reifungszeit der Bäume und durch das Prinzip, dass Wald renaturieren darf – sich selbst aussäht, selbsttätig eine gesunde, widerstandsfähige Artenvielfalt hervorbringt – erhält der Wald ein ganz eigenes Aussehen:

Anstelle von monotonen, gleichförmigen, normierten, gleichdicken – oder besser gleichdünnen Stämmen, finden sich hier alte Bäume mit starkem Umfang und unterschiedlichen und unterscheidbaren Gestalten.

Auch: neue Gruppen kleiner zarter dünner emporstrebender Pflanzen, bis hin zu umgestürzten, die Horizontale ins Spiel bringenden Stämmen.

(Vertikale und Horizontale  - Stehen und Liegen als eines der ältesten Themen der Bildhauerei – spiegelt sich auch in meiner Skulpturengruppe hier wider.

Die herangereiften Bäume, die einzeln geerntet werden – es gibt also keinen Kahlschlag, keine hässlichen, destabilisierenden Wunden im Waldsystem – haben überaus individuelle Gesichter - nein, mehr noch, sie sind körperlich, leiblich, sie sind nahezu selbst schon wesenhaft. In diese Leiber hinein habe ich meine „Baum-Leiber“ gesehen.

Soviel zum Moment der Invention. Dieses Moment greift das Video in assoziativer Weise auf.

Ich habe aber auch für mich die Möglichkeit gesehen, mich mit meiner Auffassung von Natur auseinanderzusetzen.

Dieses Arbeiten – angesichts der natur -  dieses Arbeiten mit gewachsenem, fast noch lebendem Material zusammen mit dem Wissen und Erleben des Konzeptes der „Naturnahen Waldnutzung“ führten mich zu Überlegungen, die Kunst und natur als Zwei parallele Prinzipien verstehen.

So findet sich bei Schelling die Beschreibung, dass beidem eine, wie er sagt „Werktätige Wissenschaft“ innewohnt, die das Bindglied zwischen Begriff und Form ist.

D.h., zu der „bewussten Tätigkeit“ bei der Herstellung muss eben auch eine „bewusstlose Kraft“ kommen und erst die gegenseitige Durchdringung dieser Prinzipien macht die Hervorbringung von Selbstständigem und Unabhängigem möglich.

Groß und Klein

Für mich spielt die Herstellung eine wichtige Rolle, d.h. ich führe eine Arbeit nicht einfach aus, sondern treffe Formentscheidungen auch während des Herstellungsprozesses.

Tatsächlich wusste ich, als ich mit dieser Arbeit begann, noch nicht so genau, wie sich die Größe auf die Form auswirken würde. Ich ahnte es nur.

Der beeindruckendste Moment war der, als die Figuren, die ich zunächst im Liegen gearbeitet hatte aufgerichtet wurden und ich plötzlich vor einem Wesen stand- größer als ich selbst – das ich gemacht hatte.

Mir wurde ganz klar, dass es nicht um eine Übertragung der kleinen Figuren in ein größeres Format ging. Es stellte sich etwas tatsächlich Neues ein.

Durch die Größe der Figuren ist dem Betrachter die Möglichkeit des Draufblicks genommen.

Ein Körper dieser Größe wirkt spürbar wie ein Gegenüber und schafft eine andere, eine stärker körperbetonte Art der Begegnung als „nur“ eine Betrachtung.

Hier ist ein anderer Leib, der einen gewissermaßen umfasst.

Die Säge


Nie hätte ich gedacht, dass diese orangefarbene, stinkende, durchdringend lärmende Maschine. Die Gefahr für Leib und Leben bedeutet – je mein Freund werden könnte.

Oft war ich kurz davor die Säge gegen die Wand zu werfen, wenn sie wieder nicht anspringen wollte, dann wieder überraschende Glücksmomente, wenn es mir nach zwei Stunden Fummelei gelang, den abgesprungenen Gaszug wieder einzuhaken.

Was ich nicht so vorausgesehen hatte ist, dass die große Kraft der Säge ein ganz anderes Vorgehen möglich macht und sich nach und nach Momente einer rauschhaften, euphorisierenden Gestaltung einstellten.

Solche Massen Material in so kurzer Zeit umwandeln zu können!

Die Säge wurde doch plötzlich zu etwas, was meine Hände – fast nur verlängerte – nur mit unglaublicher Macht versehen.

Schluss

Edward Kienholz:

„Ich halte meist meine Arbeiten für die Spur eines Tieres, das durch den Wald läuft und eine gedachte Spur macht; und der Betrachter ist der Jäger, der dazukommt und der Spur folgt.

An einem Punkt verschwinde ich als Spurenlegen.

Der Betrachter ist dann mit einem Dilemma von Ideen und Richtungen konfrontiert…“

Dank

An Regina Giese, vom maKULaTUR Buchladen, als die erste, die die Idee zu diesem Projekt hatte und die den Kontakt herstellte,

Nicola Petereit, Ulrich Bühning, Jörg Haufe, den Hausherren, die sich haben für dieses Projekt begeistern lassen und nun die Gastgeber sind, Angela Köhler, die als Galeristin das Projekt in ihren vollen Kalender noch eingeschoben hat, Dan Burdon, der das Video mit mir geschnitten hat, der leider heute nicht hier sein kann, Lutz Fähser vom Stadtwald Lübeck und Eckart Kropla vom Forstrevier Ritzerau, die das Zustandekommen der Arbeit mit dem Holz wesentlich ermöglicht haben, Gwen und Lutz Fähser für vielfältige Unterstützung während der Herstellung der Skulpturen, und Reinhard Göber für die Unterstützung zuhause während dieser arbeitsintensiven Zeit!